Sind Muttersprachler die besseren Sprachtrainer?
von Francesco Cassano
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Sind Muttersprachler die besseren Sprachtrainer?

Um die Antwort auf diese Frage gleich vorwegzunehmen: eindeutig nein, und zwar schlicht und ergreifend deshalb, weil pauschale Annahmen im Bereich der Linguistik und des Sprachenlernens ebenso selten und wenig zutreffen wie anderswo. Dennoch erweist sich der Mythos vom Muttersprachler als einzig wahrem Sprachtrainer, besonders wenn es um die Vermittlung des Englischen geht, als besonders hartnäckig. Wenn es aber pauschal richtig wäre, in jedem Muttersprachler ein Vermittlungsgenie ebendieser Muttersprache zu vermuten, gäbe es in Deutschland geschätzte 50-60 Millionen Deutschlehrer. Dass davon keine Rede sein kann, wird einem auf schmerzliche Weise sofort bewusst, wenn man nur eine kurze Strecke in öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegt und den Gesprächen der Umsitzenden lauscht.

Aber warum nun soll das bei Amerikanern, Engländern, Kanadiern, Neuseeländern oder Australiern anders sein? Weil deren Aussprache so authentisch klingt? Dasselbe ließe sich auch von jedem x-beliebigen Rheinländer, oder besser, Niedersachsen, jeder Sächsin oder jedem Berliner sagen. Sogar die deutschsprachige Schweizerin aus Zug gäbe demnach eine hervorragende Sprachtrainerin ab. Aber, halt, fehlt da nicht etwas? Kann oder sollte ich als Mensch, dessen Ahnung von Technik mit Unbedarftheit noch euphemistisch beschrieben ist, die Funktionsweise hochkomplexer Maschinen unterrichten? Wenn Sie mir zustimmen, wenn ich hierauf `Besser nicht!´ antworte, werden Sie mir sicher auch zustimmen, wenn ich sage, dass Sprachtrainer zunächst einmal nachweislich Experten in der von ihnen unterrichteten Sprache sein sollten. Idealerweise weist man das durch ein einschlägiges Studium oder Erstqualifikationen für Quereinsteiger, wie etwa Cambridge CELTA oder Trinity CertTESOL für den Bereich ELT (English Language Teaching ), nach.

Es muss aber doch gute Gründe dafür geben, dass in der englischen Sprachvermittlung traditionell nach muttersprachlichen Trainern*innen verlangt wird, und zwar gleichermaßen aufseiten der Sprachanbieter wie auch unter den Sprachlernenden. Tatsächlich gibt es solche Gründe, und einige davon sind in der Tat kaum von der Hand zu weisen. Schauen wir uns die wichtigsten Argumente für muttersprachliche Trainer*innen also einmal genauer an:

  1. Aussprache: Tatsächlich ist es so, dass man die muttersprachliche oder nahe-muttersprachliche Aussprache einer jeden Sprache nur ungefähr bis zum 16. Lebensjahr nahezu perfekt lernt. Danach gibt es nur noch wenige Ausnahmen, die diese Regel bestätigen. Dadurch wird zugleich klar, dass Muttersprachler in dieser Hinsicht ohne Wenn und Aber im Vorteil sind. Ein Aber gibt es dennoch - welche Variante, national, regional oder gar lokal gibt denn eigentlich vor, was mit muttersprachlicher Aussprache gemeint ist? Ist das im Falle des Deutschen die Sächsin, die Schweizerin aus Zug, der gestandene Württemberger oder doch eher der ”kölsche Jung”, die allesamt, auch wenn sie perfektes Hochdeutsch sprechen, ihre regionale Herkunft kaum leugnen können (oder wollen)? Überflüssig zu erwähnen, dass nordirische Aussprache wenig mit dem Schottischen und der Midland-Akzent wenig bis nichts mit dem kalifornischen gemein hat, und dass das Englisch des durchschnittlichen Australiers aus dem Outback ganz anders klingt als das der Universitätsprofessorin aus Cambridge. Kurzum, es gibt in keiner Sprache die einzig authentische Aussprache, sondern ebenso viele Aussprachen wie es regionale oder lokale Akzente gibt…
  2. Vokabular: Auch hier dürfte das Pendel noch leicht in Richtung der Muttersprachler ausschlagen, aber eben nur noch leicht. Denn der Wortschatz eines Menschen ist weniger durch dessen Status als Muttersprachler*in bedingt, sondern vielmehr durch seinen/ihren Bildungsstand. Und ich meine dies um Gottes Willen nicht despektierlich; aber es ist nun einmal leider so, dass das, was wir lesen, hören, schreiben und sprechen am Ende auch die Gesamtheit sowohl unserer rezeptiven (passiven) als auch produktiven (aktiven) Sprachkompetenz ausmacht. Als Faustregel könnte man demnach annehmen, dass umfassend (aus)gebildete Muttersprachler*innen über einen größeren Wortschatz verfügen als Nicht-Muttersprachler*innen.
  3. Natürlichkeit und Idiomatik: Eindeutig: Punkt für Muttersprachler*innen! Die feinen Nuancen der Alltagssprache, geistreich-humoristische Einwürfe, spitze oder süffisante Bemerkungen - das alles beherrschen Muttersprachler*innen per se besser, da sie schließlich von Geburt an mit der Idiomatik ihrer Sprache vertraut sind. Auch hier ist allerdings zu unterscheiden zwischen der Idiomatik amerikanischer TV-Shows und Sitcoms oder derjenigen, die im mittleren oder höheren Management oder in der Welt der Wissenschaft oder Kunst vorherrscht. Auch hier entscheiden letztlich Sie als Kunde*in, welches English Sie lernen wollen… Nur als Randnotiz möchte ich hier noch bemerken, dass das Deutsch, das einem in Fernsehsendungen wie ”Die Fußbroichs” oder ”Alarm für Cobra 11” begegnet ebensowenig repräsentativ ist wie das Englisch in entsprechenden muttersprachlichen Serienpendants…

Neben diesen Vorteilen, die muttersprachliche Trainer*innen des Englischen unter den oben beschriebenen Umständen ihren nicht-muttersprachlichen Kollegen*innen voraus haben, gibt es allerdings auch einige Aspekte, die für (gut ausgebildete) Nicht- Muttersprachler*innen als Sprachtrainer sprechen:

  1. Sprachtheorie und Sprachwissen: Wer eine Sprache als Fremdsprache lernt, beschäftigt sich schon notgedrungen mehr mit der Theorie dieser Sprache als der durchschnittliche Muttersprachler. Da man die Sprache nicht in ihrem natürlichen Umfeld lernt und aufnimmt, versucht man ihre Systematik zu durchschauen, was einem im Idealfall auch gelingt. Zugleich übt man sich, bewusst oder unbewusst, in der komparativen Linguistik und ist so prädestiniert, den Sprachlernenden Fehlerquellen, die durch Konflikte mit der eigenen Muttersprache bedingt sind (L1 Interference), begreiflich zu machen. Z.B., wenn ich nicht weiß, dass das Deutsche Adjektive ”markiert”, also mit Endungen versieht, aber dasselbe nur bei bestimmten Adverbien tut, werde ich nicht schlüssig erklären können, warum Englischlernende bis zu einem sehr soliden B2-Level immer noch mit der ”-ly”-Endung vieler englischer Adverbien hadern.
  2. Sprachliche Richtigkeit: So absurd das klingen mag, aber wenn es um sprachliche Richtigkeit geht, haben nicht-muttersprachliche Trainer*innen oft den großen Vorteil derer, die selbst immer nach Kräften bemüht sind, alles in der Fremdsprache, die sie unterrichten, richtig zu machen. Daher sind sie oft nicht nur genauer bei der Analyse dessen, was die Lernenden sagen oder schreiben, sondern sie sind nicht selten auch besser in der Lage, Hintergründe von auftretenden Fehlern aufzudecken und somit zu deren zukünftiger Vermeidung effektiver beizutragen.
  3. Vokabular: Moment, hatten wir nicht gesagt, dass hier Muttersprachler*innen im Vorteil seien? Ja, hatten wir. Aber nehmen wir einmal an, Sie sind inmitten einer Diskussion in Ihrem Sprachkurs und werfen hilfesuchend das Wort ”Zwangsvollstreckung” ein, weil Sie dessen englische Übersetzung nicht kennen. Die kennen zwar Ihre muttersprachlichen Trainer*innen; allerdings ist es dennoch nicht sehr wahrscheinlich, dass Sie Ihnen ad hoc beispringen können, denn immerhin könnte es sein, dass sie das deutsche Wort nicht verstanden haben, weswegen bilinguale Trainer, Online- oder Offline-Wörterbücher die schnelleren Ratgeber sein dürften…

Fazit: Die Frage danach, ob Muttersprachler*innen oder deren nicht-muttersprachliche Kollegen*innen die besseren Sprachtrainer seien, lässt sich weder mit ja oder nein beantworten, was ein ”sowohl als auch” bei der Zusammenstellung von Trainerteams nahelegt. Das gilt um so mehr, als es für jeden, der Englisch regelmäßig benutzt, schon aufgrund des Verhältnisses von Nicht-Muttersprachlern zu Muttersprachlern (3:1) eindeutig wahrscheinlicher ist, dass sie sich mit Menschen auszutauschen, die wie sie selbst Englisch als Fremd- oder Zweitsprache sprechen. Deshalb stellen wir die [SIC] Trainerteams immer zuerst auf der Basis vorhandener Qualifikationen und Berufserfahrung zusammen. Das beschert Ihnen die Sicherheit, in Ihren My [SIC]-Trainings immer mit ausgewiesenen Sprach- und Kommunikationsexperten*innen zusammenzuarbeiten und außerdem das Vergnügen, spannenden und wunderbaren Menschen zu begegnen, unabhängig davon, ob es sich dabei um Muttersprachler oder Zweitsprachler des Englischen handelt.

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