Tipps zum nachhaltigen Vokabellernen
von Francesco Cassano
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Boost Your Vocabulary

Wer erinnert sich nicht an ellenlange Listen von unzusammenhängenden Wörtern, die einfach nicht in den Kopf wollten, obwohl sie doch potentiell alle im nächsten Vokabeltest abgefragt werden konnten? Und selbst wenn man zu den Glücklichen gehörte, denen stumpfes Auswendiglernen eher lag (und die damit im besagten Vokabeltest auch regelmäßig besser abschnitten), hielt das neu erworbene Wissen oft tatsächlich nur bis zu ebenjenem Test. Aber warum eigentlich?

Zunächst einmal ist schon das reine Lernen im Hinblick auf einen Test – auch wenn man ihm im Zuge der unabhängigen Leistungsbewertung eine gewisse Sinnhaftigkeit nicht absprechen kann1 – vorsichtig ausgedrückt, nicht unproblematisch. Zum einen, weil bei jeder Art von Test oder Leistungsüberprüfung die sogenannte extrinsische Motivation, also jene Motivation, die durch äußere Anreize, wie z.B. Aussicht auf beruflichen Aufstieg, bessere Karrierechancen, höheres Gehalt etc., ausgelöst wird, naturgemäß deutlich größer ist als die intrinsische, zu der z.B. Faktoren wie die Freude an der Erweiterung des eigenen Horizonts gehören. Das zweite Problem der langen Vokabellisten aus unserer Schulzeit, die sich übrigens auch heute noch in mitunter kaum veränderter Form in vielen Sprachlehrbüchern finden, ist nicht ihre scheinbare innere Zusammenhanglosigkeit, sondern vielmehr die Tatsache, dass es sich bei den gelisteten Vokabeln zu häufig nur um Einzelbegriffe handelt. Nehmen wir z.B. das englische Wort „account“, und zwar in der finanziellen Bedeutung „Konto“. Es ist unschwer zu erkennen, dass mir das Lernen dieses Einzelwortes wenig bis gar nichts nützt - abgesehen davon natürlich, dass es mir in einem Test einen Punkt bescheren könnte, wenn ich es richtig übersetzt habe. Präge ich mir aber außer dem Begriff selbst ein paar nützliche Dinge ein, die man mit einem Konto anstellen kann, also z.B. „to pay money into an account“, „take money out of/withdraw money from an account“ usw., bin ich auf dem besten Wege, mit diesem neuen Wort quasi eine Freundschaft fürs Leben zu schließen, denn dadurch, dass ich mir einige der wichtigsten Kollokationen2 dieses neuen Wortes einpräge, beherzige ich gleich zwei wertvolle Tipps zum effektiven und nachhaltigen Erweitern des fremdsprachlichen Wortschatzes. Schauen wir uns einmal an, was es mit diesen Tipps auf sich hat, und welche es sonst noch gibt:

1. Geben Sie neuen Wörtern die richtige Gesellschaft. Ein Buch für englische Sprachtrainer, über das ich irgendwann aus Zufall gestolpert bin, Buch trägt den beredten Titel „The Company Words Keep3 und erinnert uns daran, dass Wörter im Grunde nie isoliert, sondern fast ausnahmslos in mehr oder weniger häufig anzutreffenden Wortkombinationen auftreten. Bei der englischen Sprache schätzt man, dass der Gesamtwortschatz zu etwa 75% aus ebensolchen Wortkombinationen, oder Kollokationen, besteht. Wenn Sie z.B. mit einem Briten über das Wetter sprechen möchten, benötigen Sie idealerweise eine ganze Reihe von Adjektiven, die die Art des Wetters beschreiben, also etwa beautiful / excellent / fine, oder foul / nasty / rotten, wenn Ihnen das Wetter zum Zeitpunkt des Gesprächs so gar nicht gefallen will. Die Verbindung beispielsweise von foul + weather ist das, was man eine Adjektiv-Nomen- Kollokation nennt. Es gibt etliche weitere Arten von Kollokationen, deren linguistische Bezeichnungen nicht weniger sperrig sind. Deshalb erspare ich Ihnen diese und rate Ihnen stattdessen, einmal die Seite www.ozdic.com, also den Oxford Dictionary of Collocations aufzurufen. Übersichtlich dargestellt finden Sie hier die wichtigsten Kollokationen der gebräuchlichsten Wörter des Englischen. In unseren Seminaren gehören Kollokationen übrigens zu jeder Feedback Session: Wenn unsere Trainer/ innen neue Vokabeln vorstellen, geben sie Ihnen immer ein paar der häufigsten Kombinationen dieser Wörter mit anderen an die Hand. Auf diese Weise erwecken Sie die vielen Begriffe in Ihrem passiven Wortschatz zu aktivem Leben!

2. Treffen Sie sich mit neu gelernten Wörtern. Neurologische Studien haben gezeigt, dass es insgesamt mindestens sieben „Begegnungen“ mit einem neuen Wort gegeben haben muss, damit es in denjenigen Arealen unseres Gedächtnisses gespeichert wird, aus denen wir es bei Bedarf mühelos -z.B. in einer Gesprächssituation- zurückholen und anwenden können. Wenn Sie also, wie im Beispiel oben, verschiedene Wendungen aufschreiben, die alle das gerade gelernte Wort beinhalten, erhöhen Sie die Zahl Ihrer „Begegnungen“ mit diesem neuen Wort und damit die Wahrscheinlichkeit, es dauerhaft in Ihrem aktiven Wortschatz zu verankern. Und wo wir schon beim Treffen sind…

3. Bauen Sie eine „Beziehung“ zu neuen Wörtern auf. Ich weiß, das klingt vielleicht hergeholt und obendrein ein bisschen esoterisch; Tatsache aber ist, dass Wörter dann besser erinnert werden, wenn wir eine gewisse Affinität zu ihnen haben. Probieren Sie es einfach einmal aus und versuchen Sie, sich ein paar Begriffe einzuprägen, die zu Ihren Lieblingsgesprächsthemen, Ihrem Job oder Ihren Hobbies gehören. Selbst wenn es nur die Schreibweise eines neuen Wortes oder dessen Klang ist, die uns gefallen - im Prinzip reicht jede Art von Bezug aus, damit wir neue Wörter schnell lernen und dauerhaft in unserem Gedächtnis speichern. Damit wäre zugleich auch die Frage beantwortet, warum selbst bessere Fremdsprachenschüler einen Großteil der Wörter, die sie für einen Vokabeltest pauken, unmittelbar nach diesem Test wieder vergessen: außer der Prüfung gibt es keinen Anreiz, diese Wörter zu lernen und zu behalten. Das erkennt unser auf Effizienz getrimmtes Gehirn und löscht folgerichtig die als unwichtig erachteten Informationen.

4. Jagen und sammeln Sie Informationen über neue Vokabeln. Wie schon erwähnt: je mehr aktive Interaktion Sie mit neuen Wörtern pflegen, desto besser. Wenn Sie also ein Wort wie „cast“ zunächst in einem zweisprachigen Lexikon nachschlagen, werden Sie zunächst feststellen, dass es sich dabei einerseits um ein unregelmäßiges Verb (Tätigkeitswort) mit den drei Stammformen cast, cast, cast und zum anderen um ein Substantiv oder Nomen (Hauptwort) handelt. Ferner werden Sie sehen, dass z.B. das Hauptwort im Deutschen sowohl 1. Form als auch 2. Besetzung und 3. Gipsverband heißen kann. Wenn Sie nun in einem einsprachigen Lexikon, z.B. www.collinsdictionary.com weiterforschen, werden Sie weitere Informationen über das Wörtchen cast sammeln können und erfahren, dass Sie nach dem Tätigkeitswort unmittelbar ein Objekt benutzen können, etwa in der Kombination to cast iron. Das macht das Wörtchen zu einem sogenannten „transitiven Verb“, was Sie nicht weiter belasten muss4.

Wichtig ist lediglich, dass alles, was Sie über eine neue Vokabel in Erfahrung bringen können, dazu beiträgt, dass Sie diese so schnell nicht wieder vergessen. Idealerweise bündeln Sie diese Informationen und notieren diese in Ihrem „My Unplugged Day in Class“ Logbuch, das wir Ihnen gerne als MS Word oder Pages Template zur Verfügung stellen. Denn wie es so schön heißt: Wer schreibt, der bleibt!

5. Sprechen Sie sich jedes neue Wort laut vor. Wörter, die wir nicht aussprechen können, meiden wir instinktiv. Vergewissern Sie sich daher immer, dass Sie ein Wort, das Sie aus dem Zusammenhang heraus verstehen, richtig aussprechen; das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Sie es später auch tatsächlich anwenden. Jedes gute Online- Wörterbuch5 (s.o. collinsdictionary.com) hält heutzutage Aussprachebeispiele in den Varianten UK und US, also Standard-Britisch und Standard-Amerikanisch, für jedes Wort vor. Apropos, Wörter aus dem Sinnzusammenhang verstehen…

6. Wer schreibt, der bleibt! Wenngleich es mehr oder weniger genau stimmt, dass wir die Bedeutung von unbekannten Wörtern aus dem Zusammenhang folgern können, eindeutig falsch ist in der Regel, dass diese Wörter später auch angewendet werden können. Eine gute Chance der späteren Anwendung solcher „geratenen“ Wörter haben Sie genau genommen nur, wenn es sich dabei um sogenannte „concrete nouns“ handelt, also solchen Hauptwörtern, die konkrete Dinge oder Personen bezeichnen. Beispiele hierfür sind z.B. ashtray oder flight attendant. Da wir alle zu einem guten Teil visuelle Lerner sind6, verbinden wir mit solchen Wörtern sogleich gewisse Bilder, die leicht genug abzurufen sind, sodass sie im Gegensatz zu gänzlich abstrakten Begriffen wie foreclosure=Zwangsvollstreckung oder mortgage=Hypothek, in späteren Gesprächssituationen auch dann aktiv eingesetzt werden können, wenn das „Erraten aus dem Zusammenhang“ schon eine lange Weile zurückliegt. Für alle abstrakten Begriffe, deren Bedeutung Sie aus dem Kontext folgern, empfiehlt es sich eindeutig, eine kleine Notiz auf einem als Lesezeichen fungierenden Zettel zu machen, damit Sie es später nachschlagen und mit zusätzlichen Informationen angereichert (s.o.) aufschreiben können.

7. Machen Sie sich mit den Familien Ihrer neuen Wörter vertraut. Wörter wie Menschen Bedeutung haben, wie z.B. das englische „bed“ und das deutsche „Bett“. Leider gibt es aber nicht nur falsche Freunde für uns Menschen, sondern auch „False Friends“ für Wörter. Da wäre z.B. das englische Adjektiv „actual“, das so nett dem deutschen „aktuell“ ähnelt, aber eben nicht dasselbe wie im Deutschen bedeutet. Soweit, so schlecht: aber da gibt es Gottseidank ja noch die oft weitschweifigen Wortfamilien. Das sind Wörter, die alle denselben Stamm haben und sich nur in ihren Affixen -das sind Vor- und Nachsilben- unterscheiden. Wer sich mit diesen illustren Wortgruppen zusammentut, erweitert nicht nur im Handumdrehen seinen Wortschatz ganz erheblich, sondern er/sie kann sich obendrein das eine Wort, das er/sie eigentlich lernen wollte, viel besser merken (siehe oben unter 2.). Ein Beispiel für eine englische Wortfamilie ist z.B. die folgende mit dem Stamm „able“. Von diesem Wörtchen lassen sich z.B. ableiten: Die Nomen ability, inability und disability, die Verben enable und disable (Verb/Tätigkeitswort) sowie das Gegenteil des Stamm-Adjektivs, nämlich unable und mit disabled noch ein weiteres Adjektiv. Macht zusammen insgesamt 8 Familienmitglieder und 7 neue Wörter, die Sie zusammen mit dem Wörtchen „able“ lernen könnten.

8. Führen Sie neue Wortfamilie in Wortfeldern zusammen. Wortfelder sind, um im Bild des vorigen Abschnitts zu bleiben, gewissermaßen Wortsippen, die es sich um ein bestimmtes Thema herum gemütlich gemacht haben. Nehmen wir das Thema Autofahren. Das dazugehörige Wortfeld schließt prinzipiell die Bezeichnungen aller Schrauben und sonstigen Materialien, die typischerweise im Autobau Verwendung finden, ebenso ein wie Straßentypen (motorway/thoroughfare/country road etc.) oder individuelle Fahrweisen vom Sunday driver bis zum road hog (Verkehrsrowdy). Mit diesen Tipps werden Sie Schritt für Schritt immer mehr der geschätzten 1 Million Wörter einfangen, die Englisch zur wortreichsten aller Sprachen machen.

1 Zum Thema Tests und Leistungsbewertung im Fremdsprachentraining, siehe unser Artikel, „Backwash Effect - Was bringen Sprachtests wirklich?“
2 Als Kollektion (collocation) bezeichnet man eine Kombination von zwei oder mehr typischerweise zusammen auftretenden Wörtern, z.B. „hard rain“ - „starker Regen“
4 Mehr Informationen, die Sie über neue Wörter in Erfahrung bringen können, finden Sie in unserem Artikel „Besondere Kennzeichen: Viele!“
5 Zu diesem Thema bieten wir in unserer Reihe „Learning to Learn“ entsprechende Seminare an.
6 Über die verschiedenen Lerner-Typen siehe auch unser Artikel „Multiple Lern-Persönlichkeit“

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